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Kultur- und Wanderreise in die Extremadura 2010 (13)

Auf unserer Reise besuchen wir selbstverständlich auch die drei charaktervollsten und deshalb bekanntesten Städte der Extremadura mit ihrer einmaligen atmosphä-rischen Dichte: Nirgends in Spanien tritt die römische Geschichte derart anschau-lich und eindrucksvoll in Erscheinung wie in Mérida. Keine andere spanische Kom-mune kann wie Cáceres eine vollständig erhaltene mittelalterlich/frühneuzeitliche Altstadt als geschlossenes Ensemble ihr eigen nennen. Und Trujillo besticht in sei-ner Einzigartigkeit als Stadt der Eroberer.

Mérida, seit 1981 Kapitale der «Comunidad Autónoma Extremadura», ist mit ihren 57 000 Einwohnern heute kaum grösser als vor 2 000 Jahren. Anders als dem mo-dernen Badajoz haftet ihr ein wenig der Charme des Dörflich-Provinziellen an. Lage und Struktur verleihen ihr gleichzeitig etwas Zwangloses und Friedfertiges. Am Ran-de des Flusses lagernd ist Mérida keine Festung, von welcher aus die Gegend be-herrscht wird, sondern Brückenstadt. Hier kreuzten sich die Wege, hier trieb man Handel an der Via de la Plata oder man setzte sich zur Ruhe und liess sich unter-halten. Etwas von dieser Beschaulichkeit hat sich die Stadt bis heute bewahren können.

Ausschnitt aus dem Puente Romano über den Fluss Guadiana

Mérida war über mehrere Jahrhunderte als «Emerita Augusta» Hauptstadt der rö-mischen Provinz Lusitania und gleichzeitig wirtschaftliches, militärisches und kul-turelles Zentrum. Kaiser Augustus hat die Stadt 26/25 v. Chr. als Kolonie für die Veteranen der V. und X. römischen Legion gegründet. Ihr Name «emerita» (latei-nisch für «verdient») bedeutete in diesem Sinne Programm. Im Verlauf der Zeit wurde sie mit zahlreichen repräsentativen Gebäuden geschmückt: Foren, Circus, Theater, Amphitheater, Tempel, Aquädukte, Villen.

Im 7. und 8. Jahrhundert war Mérida die Hauptstadt des westgotischen Reiches. Von hier aus wurde ein Gebiet regiert, welches das heutige Spanien und Portugal fast ganz umfasst. Unter den Westgoten wurde die Stadt auch Bischofssitz, was sie auch unter islamischer Herrschaft blieb, bis man ihn im Jahre 1119 nach San-tiago de Compostela verlegte. - 713 wurde Mérida von den Mauren erobert und ver-wüstet; damit verlor die Stadt ihre grosse Bedeutung. Im Zuge der Reconquista er-oberten sie christliche Truppen unter Alphons IX. von León um 1228. In der Folge kam sie in den Besitz des Ordens von Alcántara. An der Stelle, wo schon seit dem 5. Jahrhundert eine Bischofskirche stand, wurde ein neues romanisches Gottes-haus gebaut, die Iglesia de Santa Eulália. 

Die Stadt verlor weiter an Bedeutung und zählte in ihren schlechtesten Tagen kaum noch 10 000 Einwohner. Dies änderte sich erst im 20. Jahrhundert, als sie Eisen-bahnknotenpunkt wurde, was auch die Ansiedlung von Industrie mit sich brachte. Gleichzeitig erwachte auch das Interesse für die römischen Altertümer. 1981 wur-den die antiken Reste zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt.

Blick auf den Puente Romano in seiner vollen Länge

Der Puente Romano wurde in augusteischer Zeit aus gehauenen Granitblöcken er-baut, solide und elegant zugleich. Dabei hatte man den Standort sorgfältig an einer seichten Stelle des Flusses ausgewählt, an der es zudem eine kleine Insel gab. Da-durch konnte man die Brücke in zwei Teilen erstellen, wobei diese mit einer Holz-tragekonstruktion miteinander verbunden waren. Die heutige Form aus nur einem Stück erhielt sie erst im 17. Jahrhundert. Sie hat nun eine Länge von 792 Metern, eine Breite von 4,5 Metern und besteht aus 60 Bögen. Die Höhe zum mittleren Was-serstand macht rund 12 Meter aus.

Die Brücke war vor Zerstörung nicht gefeit. Zum letzten Mal wurde im spanischen Bürgerkrieg ein Bogen gesprengt. Doch hat man sie jedes Mal wieder instand ge-stellt, so dass sie ihre Schönheit weitgehend bewahren konnte. Die ersten zehn Pfeiler und Bögen von der Stadt aus gesehen sind die am besten erhaltenen Bau-teile.

Wie sich das Stadt-Forum heute bei Nacht zeigt

Mérida besass selbstverständlich auch ein Forum, besser gesagt deren zwei: eines für die Stadt und eines für die Provinz. Die Foren waren Teile des Bauprogramms und wurden noch zu augusteischer Zeit erbaut. Wegen der zahlreichen Funde an Statuen bezeichnet man das Stadt-Forum heute auch als Marmor-Forum. Das Au-gustus-Forum in Rom stellte wahrscheinlich die Vorlage für den Bau im Mérida dar.

Der rechteckige sogenannte Diana-Tempel mit jeweils sechs Säulen in Doppelrei-hen zur Vorderfront und je elf an den Seiten gehörte ebenfalls zum Forum. In ihm wurde aber nicht die Göttin Diana verehrt, sondern der als Gott geltende Kaiser.  Der Tempel besitzt eine Länge von 32 und eine Höhe von zehn Metern. Er ist aus römischer Zeit das einzige religiöse Gebäude der Stadt, das sich in befriedigendem Zustand erhalten hat. Dies erklärt sich daraus, dass die Umrisse des Tempels ehe-mals in die Aussenwände eines Renaissance-Palastes eingebaut waren, 1972 hat man sie wieder herausgeschält.

Der sogenannte Diana-Tempel beim Forum

Das eher kleine Amphitheater wurde im Jahre 8 vor Chr. fertiggestellt und besitzt eine ovale Grundform (126 m x 102 m). Von seinen drei Rängen hat sich nur der un-terste erhalten, weil es lange Zeit als Steinbruch genutzt wurde. Die Fassade glich der des Kolosseums in Rom. Es gab 16 Eingänge, durch die man es heute noch be-treten kann. Der Haupteingang und die Haupttribüne befanden sich im Südwesten. 

Das Amphitheater bot 15 000 Zuschauern Platz. Ein hohes, mit Marmor verkleide-tes Podium bot ihnen Schutz. Zur Zeit Trajans (1./2. Jahrhundert) wurde der Bau mit Malereien und Mosaiken geschmückt, die heute im Museum für römische Kunst zu bewundern sind.

Das Amphitheater

Das Theater wurde durch den Konsul Marcus Vipsanius Agrippa in Auftrag geben und vermutlich 15 vor Chr. eingeweiht, worauf eine Inschrift hinweist. Eine weitere Inschrift belegt eine Restaurierung unter Kaiser Hadrian. Es ist eines der spektaku-lärsten Bauwerke der Stadt und beherbergt seit 1933 das Festival des klassischen Theaters, womit es seine ursprüngliche Funktion wiedererlangt hat. Die Römer lies-sen sich für ihre Theaterbauten von den Griechen inspirieren. Sie übernahmen den halbkreisförmigen Zuschauerraum (theatron), den runden Chorraum (orchestra) so-wie die Bühnenhausfassade (scenae). Doch halbierten sie den Chorraum. In der einen Hälfte sassen in ihren Sesseln die hohen Beamten der Provinz. Der nach hin-ten ansteigende Zuschauerraum für das Volk blieb dem griechischen Vorbild treu, wurde aber klar in drei Bereiche unterteilt.

Während bei den Griechen die Bühnenaufbauten niedrig ausfielen und in das Pa-norama der dahinterliegenden Landschaft eingebettet waren, bauten die Römer als Kulisse eine mehrstöckige Bühnenwand, die den Raum stark nach Innen abgrenz-te. Sie wurde mit Säulen, Nischen und Statuen dekoriert. Der Spielort lag bei den Römern nicht mehr in der orchestra, sondern vor der scenae des Bühnenhauses.

Teatro Romano mit Bühnenhaus

Das römische Theater von Mérida hat sich mit seinen Marmorsäulen und granite-nen Gewölben sehr gut erhalten. In Spanien ist es einzigartig, in Europa nur ver-gleichbar mit jenem von Orange in Frankreich. Es wurde mehrfach umgebaut. Am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. wurde zur Zeit Trajans das jetzige Bühnenhaus errichtet. Ein weiterer Umbau erfolgte um 330. 

Unmittelbar hinter dem Bühnenhaus befinden sich die Ruheräume und Bäder für die Theaterspieler sowie ein Peristyl (Säulenumgang als Treffpunkt), die nur mehr sehr rudimentär erhalten sind. Als Laie braucht man ein recht grosses Vorstellungsver-mögen, um aus diesem Teil der Grabungen etwas herauslesen zu können.

Detailansicht vom römischen Theater mit der Göttin Ceres

Im Theaterbezirk liegt ebenfalls noch die Casa del Anfiteatro, ein wahrscheinlich  aus mehreren Häusern bestehender Komplex, dem man mangels eines besseren Namens diese Bezeichnung gegeben hat. Die meisten Fundstücke, die man wäh-rend Grabungen hier gefunden hat, befinden sich heute im römischen Museum.

Den Bau eines Museo National de Arte Romano hat man im Jahre 1975 beschlos-sen, anlässlich des 2000-Jahr-Jubiläums der Stadt. Mit der Planung wurde der inter-national bekannte Architekt José Rafael Moneo Vallés beauftragt, der sich dabei von der Architektur des römischen Kaiserreiches anregen liess. Mit dem Bau des Museums begann man 1981. Im Jahre 1985 konnte das Museum eröffnet werden.

    

Der Haupteingang zum Amphitheater als Quelle der Inspiration für die Gestaltung der Haupthalle des Römischen Museums: Bogen, Lichtquelle und Staffelung

Die Halle ist durch neun Bögen unterteilt. Natürliches Licht fällt in die grosszügig ge-schnittenen Räume. Das Ausstellungsgut ist zur Hauptsache seitlich unterge-bracht und zeigt die Objekte nach thematischen Aspekten, die von Einrichtungen der reprä-sentativen Gebäude und privaten Häuser über Bestattungsformen, religiöse Kulte bis hin zu Alltagsgegenständen ein komplexes Bild des Lebens zur Zeit der Römer vermitteln.

Im Erdgeschoss werden in zehn Kammern Funde aus dem Theaterbezirk und dem Forum sowie zum Mitras- und Totenkult gezeigt. Im ersten Obergeschoss sind Ge-genstände des täglichen Lebens ausgestellt, während ein Stockwerk höher Themen wie frühes Christentum, kulturelles Leben, Verwaltung etc. behandelt werden.

Das strenge Äussere des Römischen Museums von José Rafael Moneo Vallés in seiner klaren Trennung in Verwaltung/Forschung und Ausstellungsräume

Vom Theaterbezirk entfernt stösst man auf weitere römische Bauwerke: Da gibt es noch eine zweite Brücke aus antiker Zeit, dann den römischen Zirkus in einem Oval von 422 auf 120 Metern, zwei imponierende Aquädukte, welche das Wasser in die Stadt führten und vor allem die Casa del Mitraeo mit den beeindruckenden Mo-saiken. In einem von ihnen ist in der Mitte wie ein Medaillon die Darstellung des ge-flügelten Eros mit einer Taube in die sonst geometrischen Muster eingefügt. Im Wei-teren sei noch ein Mosaik erwähnt, welches den Kosmos in allegorischen Figuren abbildet. Die meist nackten menschlichen Körper erhalten dank ihrer Bewegung, den Farbnuancen und Schattierungen schillernde Ausdruckskraft.

Neben diesen zahlreichen Denkmälern aus römischer Zeit gibt es in Mérida auch solche anderer Epochen. Das Museum für westgotische Kunst besitzt Fragmente von Bauwerken aus dem 5. bis 7. Jahrhundert mit den charakteristischen Kreuz-, Stern-, Blumen- und Muscheldekors. Die Alcazaba wurde im 9. Jahrhundert auf den Grundmauern einer römischen Befestigungsanlage  gebaut. Sie besitzt im Innern eine begehbare Zisterne, deren Eingänge westgotische Pfeiler und Türstürze zieren. Ebenfalls auf römischem Baugrund wurde die romanische Iglesia de Santa Eulália im 13. Jahrhundert gebaut. Wer sich etwas ausruhen möchte, dem sei die weite Plaza de España empfohlen. Die Palmen geben ihr nebst den Gebäuden in ver-schiedenen Stilen ein hübsches Ambiente. Selbstverständlich kann man sich auch in den Bars verköstigen. Städtischen Charme entwickeln die Strassen rund um die Plaza de la Constitutión. Ein zeitgenössisches Meisterwerk stellt der beschwingte Puente Lusitania dar. Der international anerkannte Architekt Santiago Calatrava hat ihn entworfen und zwischen 1988 und 1991 gebaut. Nicht nur der Name der Bau-werks erinnert an Rom, auch im Spiel mit dem Bogen lässt Calatrava römische Ar-chitektur anklingen. Er hat übrigens auch den Luzerner Bahnhof entworfen.

 Der elegante Puente Lusitania von Santiago Calatrava

 
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