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Kultur- und Wanderreise ins südliche Kastilien (5a)

Freitag, 20. April 2012


Geschichte des Escorials

Im geographischen Mittelpunkt des Landes steht auf 1000 Metern Höhe recht abweisend Philipp II. Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial. Es ist bereits von der Ferne im Tal als turmbekrönter Gebäudekomplex aus grünlich-grauem Granit in der Farbe des Guadarrama-Gebirges erkennbar. Am Vorabend der Schlacht bei St. Quentin hatte der spanische König 1557 gelobt, im Falle seines Sieges über die Franzosen am bevorstehenden St. Laurentius-Tag dem Heiligen eine Kirche samt Kloster zu stiften.
Erst 1663 begann er mit der Einlösung seines Gelübdes - spät, aber dafür um so aufwendiger. Wissesnchaftler hatten ihm den Bauplatz gewiesen, dessen Lage Einsamkeit, dessen Klima Gesundheit verhiessen. In Juan Baudista de Toledo, einem Schüler von Palladio und Michelangelo, stand ihm ein geeigneter Baumeister zur Verfügung. Ihn hatte Philipp II. 1559 an den königlichen Hof berufen, damit er die ita- lienische Hochrenaissance in Spanien einführe, wo immer noch die Gotik und der Mudéjar-Stil stark verbreitet waren. Als der Toledaner 1567 starb, war die Entschei- dung für ein auf 100 Mönche verdoppeltes Hieronymitenkloster längst gefallen.
Als Nachfolger wurde der Bergamascer Giovanni Battista Castelli designiert. Doch dieser zog es vor, in Genua Paläste zu bauen. Nun erst fiel die Wahl auf Juan de Herrera, der sich von Baubeginn an als Organisator von 1500 Arbeitern bewährt hatte und ab 1572 seine in Italien erworbenen Kenntnisse der Renaissance-architektur und Architekturtheorie (von Vitruv bis Palladio) in steter Absprache mit den König umsetzen konnte. Der von ihm am Escorial geprägte schlichte Stil, der sich von geometrischen Formenprinzipien der italienischen Renaissance leiten liess und eine strenge schmuck- lose Monumentalität anstrebte, wird heute auch als Herrera-Stil bezeichnet.
Als letzter Teil errichtete Herrera 1576 bis 1582 die Kirche und vollendete die Anlage; äussere Rahmenbauten (wie im Norden jenseits der Strasse die Casas de Oficinas) folgten bis 1587.



Der Escorial aus der Ferne

Grundriss und Äusseres

Der Escorial ähnelt mit den monotonen Fronten, deren abweisende Wirkung festungs-änliche Ecktürme steigern, mehr einer Kaserne als einem Königsschloss. Ein von Juan de Toledo durchdachtes und von Juan de Herrera komplettiertes System sich durchdringender Funktionen wird rings um die mit Kuppel und Fassadentürmen domi- nierende Kirche durch grosse Achsen bzw. insgesamt 16 Höfe und 12 Kreuzgänge geschaffen, deren Raster wie der steingewordene Rost des Titelheiligen Laurentius.
Der ganze Gebäudekompex besitzt eine Länge von 207 Metern und eine Breite von 161 Metern. Auf einer Grundfläche von 33 000 Quadratmetern, die nur vom den Vatikanpalst übertroffen wird, finden sich 2000 Gemächer mit 3000 Türen und 2673 Fenstern.
Die Hauptfassade im Westen steigert sich über Giebelfronten vor symmetrischem Konvent und Kolleg zu erhöhtem Mittelabau und dessen durch Kolosalsäulen gegliederter Auszugsfassade; am Giebel eine Statue des hl. Laurentius. Darin ist nach dem Vorbild in Rom (Vatikan) und Florenz (Laurenziana) bis 1594 die Biblio-thek ausgebaut und ihr Tonnengewölbe seit 1586 von dem lombardischen Manieris-ten Pellegrino Tibaldi mit einer Bildfolge Künste und Wissenschaften freskiert worden (in der Nachfolge von Michelangelos Sixtinadecke).
Hinter dem Bibliothekstrakt folgt nicht unmittelaber der Kirchenraum, sondern - ein verzögernder Architekturaspekt von Herrera - ein Atrium, dessen rückwärtiger Ab- schluss die eigentliche Kirchenfassade bildet; Figuren alttestamentlicher Könige von Juan Bautista Monegro (1584). Die Kirche fusst auf Zentralbauideen, die Antonio da Sangallo der Jüngere um 1520 für St. Peter in Rom entwickelt hat. Zwischen erhöhtem Hieronymitenchor und darunter gewölbtem Gemeinderaum im Westen bzw. dem Presbyterium im Osten mit erst 1617-1654 fertiggestellter Königsgruft (seit 1594 waren aus allen Teilen des Landes dafür königliche Gebeine zusam-mengetragen worden) reckt sie sich aus quadratischem Grundriss mit hoher Tambourkuppel.

Das Innere

Die Bibliothek
Die Bibliothek beherbergt 40 000 Bücher. Sie sind in einem der grössten Sälen des Palastes untergebracht und besitzt farbenprächtige Deckenbilder von Pellegrino Tibal- di, der zwischen 1586 und 1593 daran gearbeitet hat



Ausschnitt von der Bibliothek

Der Königspalast
Im Thronsaal und den Gemächern sind Porzellan, Möbel und Wandteppiche zu bewundern. Sie geben den Zimmern ihre historische Authentizität zurück. Die be- rühmtesten Kämpfe der Spanier gegen die Araber und aus der Regierungszeit Phi- lipps II. sind in der Galerie der Schlachten vorgestellt. Dieser 55 Meter lange Raum, vollständig mit Fresken ausgefüllt, diente Philipp II. als Empfangssaal. Seinem Arbeitszimmer sind die Sala, die Saleta, die Camera und die Anticamera voran-gestellt. Sie trennen das Arbeitszimmer von den Personen, die beim König Audienz begehren. Je nach Rangordnung ist genau festgelegt, bis zu welchem Raum die Betreffenden vorgelassen werden. Das Privileg, bis ins «Allerheiligste» zu gelangen, besitzen einzig die Kardinäle, der Präsident des Staatsrates und die Vizekönige. König und Königin leben in getrennten Suiten mit allen Zimmern, die zum standesgemässen wohnen gehören.
Im Untergeschoss, dem sog. Sommerpalast, ist heute die Pinakothek (mit Werken der flä-mischen, deutschen und venetianischen, spanischen und italienischen Malerei des 16. bzw. 17. Jahrhunderts) untergebracht. - Hier befindet sich auch das Architekturmuseum,  welches die 21 jährige Bauzeit des Escorials dokumentiert.

Die Kirche
Sie  besitzt über 40 Altäre, darunter der bemerkenswerte Hochaltar aus rotem  Marmor und Jaspis. An den beiden Seiten befinden sich die Grabmäler  Philipps II und Karls V. mit ihren Familien. - Die Sakristei verwahrt über 40 Gemälde (darunter Werke von Titian und El Greco). - Die Krypta unter der Kirche, auch Panteon ge-nannt, ein Kuppelbau aus schwarzem Marmor ist die Grablege der meisten spa-nischen Herrscher.

Kreuzgänge, Patios und Treppenhäuser
Beeindruckend  sind auch die verschiedenen Kreuzgänge bzw. Höfe. Da wäre etwa der Fratzenhof zu erwähnen, benannt, nach den Köpfen, welche die beiden Brunnen zieren, oder der grosse Evangelistenhof mit seiner toskanischen Säulenordnung. Er trägt den Namen nach den Statuen der Evangelisten am Brunnenhaus. Geschaffen wurde er von Juan Bautista Monegro. Mit 46 etwas steril wirkenden Fresken von Pellegrini Tibaldi ist er geschmückt, welche die Heilsgeschichte von der Geburt Marias bis zum jüngsten Gericht erzählen.
Um die verschiedenen Stockwerke zu überwinden brauchte es diverse Treppen- häuser, die teils recht einfach gehalten sind, teils aber majestätisch wirken. Letztere lassen uns wie der ganze Baukomplex gut vorstellen, wie sich hier das von Philipp II. bis in die letzten Details ausgedüftelte spanische Hofzeremoniell abwickeln liess. Denn zeremoniell überhöht wird bei Philipp II. alles, selbst die alltäglichen Verrich-tungen. das An- und Auskleiden, das Essen, der Ausritt und sein Gang zu den Gemächern der Königin, den er gewöhnlich vort der Frühmesse oder nach dem Abendessen pflichtgemäss absolviert. Selbst jener Ort, zu dem auch ein König zu Fuss geht, ist mit einem Baldachin bekrönt. Da spanische Hofzeremoniell wird schnell Vorbild für ganz Europa.



Galerie der Schlachten, der Empfangssaal Philipps II.

So verkörper der Escorial die zu Stein gewordenen Vorstellungen Philipps II. vom wahren Königtum. Ein König hat anderes zu tun, als auf Heerfahrt zu gehen oder mit Standesvertretern in weit entfernten Gegenden zu verhandeln, wie das sein Vater Karl V. gemacht hat. Ein König soll das Zentrum seines Reiches sein, sein Palast der Ort, an dem alle wichtigen Informationen zusammenlaufen und alle wichtigen Entscheidungen gefällt werden. Der König repräsentiert die Gesamtmonarchie, die in Abwägung aller Interessen auf Erden im göttlichen Auftrag für die allgemeine Ge-rechtigkeit sorgt.
 
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