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Kultur- und Wanderreise ins südliche Kastilien (10a)

Eine wunderbare Stadt

Aus der Geschichte von Toledo
«Erste Spuren einer Besiedlung im Stadtgebiet stellen eine Reihe von Burgen aus der Zeit der Keltiberer dar. Die Karpetaner hatte sich hier niedergelassen, der Ort bildete das Zentrum ihres Stammgebietes. Trotz heftigem Widerstand unterwarf der römische Feldherr Marcus Fulvius Nobilior im Jahre 192 vor Christus den Stamm und gründete in der Tajo-Schleife den Vorposten Toletum. In der Folge entwickelte sich Toledo dank Eisenerzvorkommen zu einer bedeutenden Siedlung, wie einer-seits Fundamente von zahlreichen Villen bezeugen, anderseits aber auch die Tat-sache, das in Toledo eigenen Münzen gebrägt worden sind. Es scheint eine durch-greifende Romanisierung statt-gefunden zu haben, die schliesslich vom Bau eines Aqädukts gekrönt worden ist. Mit dem Aufkommen von Barbareneinfällen haben die Bewohner die antiken Mauern seit dem 3. Jahrhundert zu defensiv Zwecken immer wieder verstärkt. Dies konnte aber nicht verhindern, dass die Aleanen um 411 die Stadt erobern konnten. Freichlich war ihre Herrschaft nur von kurzer Dauer.
Mehr Erfolg hatten die Westgoten, welche Toletum gegen Ende des 5. Jahrhunderts erobert haben. Zwischen 531 und 712 war es Königsresidenz des westgotischen Reiches und gleichzeitig Sitz eines arianischen Erzbistums. 581 trat König Rekka-res I. zum katholischen Glauben über. Unter den Westgoten erlebte Toledo eine wirtschaftliche und kulturelle Nachblüte. Nicht weniger als 18 Konzilien wurden bis 702 in der Stadt abgehalten. Dabei vereinheitlichte das 4. Konzil 633 unter der Lei-tung des Kirchenlehrers und Enzyklopedisten Isidor von Sevilla (Erzbischof von To-ledo) die mozarabische Liturgie. Um 680 verstärkte der letzte westgotische König die Ringmauern mit den Türmen der Stadt. Doch er konnte den Vormarsch der Mau-ren damit nicht aufhalten, nur etwas verzögern.
Im Jahre 712 wird Toledo von den Mauren eingenommen und hiess von da an Tulaytula. Stadt und Umfeld waren damit ein Teil von al-Andalus. Zu hoher Blüte kam Toledo, als es Teil des Kalifats von Córdoba war. Einen zweiten Höhepunkt bil-dete die Zeit als Hauptstadt einer Taifa unter der Berberdynastie Dhun-Nuniden von 1028 bis zur Eroberung durch König Alphons VI. im Jahre 1085.
Von da an war Toledo zuerst Residenz des Königreichs Kastilien und blieb bis 1561 Hauptstadt von ganz Spanien. 1209 vermochte der damalige Erzbischof Rodrigo Ji-ménez de Rada den Titel «Primatus in totis Hispaniarum regis» (Primat in allen spa-nischen Königreichen) an das Erzbistum zu binden. Der Erzbischof von Toledo ist heute noch Primas der spanischen Kirche und war lange Zeit einer  der mächtigsten Fürstbischöfe des Landes.»

Kultur- und Architekturgeschichtliches
«Aus der Zeit der Keltiberer, Römer, Westgoten hat sich ausser einige archäologische Funde nichts im Originalzustand erhalten. Dies gilt auch für die Maurenherrschaft. Doch bewahrte Toledo in der seit dem 16. Jahrhundert kaum veränderten Stadtstruktur einen orientalischen Charakter. Die befestigte Medina mit der Hauptmoschee, dem Markt (die heutige Plaza de Zocodover), wenigen durch-gehenden, kurvig verlaufenden Verkehrswegen mit zahllosen Querverbindungen und blind endenden Gassen übernahmen die christlichen Eroberer 1085 fast unzerstört.
Obschon Toledo fast sofort zur Hauptstadt des kastilischen Reiches aufrückte, setzte erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine «christliche Bautätigkeit» ein. Bis dahin hatte man sich mit Umbauten begnügt. Die Grundsteinlegung der Kathedrale erfolgte erst 1226. Das lag wohl an den noch unsicheren politisch-militärischen Verhältnissen. Toledo blieb lange südliche Grenzstadt zu den maurischen Gebie-ten. Erst nach der siegreichen Schlacht bei Las Navas de Tolosa im Jahre 1212 konnte sich das kastilische Königrech wesentlich nach Süden ausdehnen.
Die Struktur der erst unter den Katholischen Königen aufgelösten Judería im südöst-lichen Stadtgebiiet lässt sich heute noch ablesen. Bevorzugte Wohngebiete lassen sich erschliessen: bezeugt sind königliche Paläste seit der Westgotenzeit zwischen dem Miradero und dem Arco de la Sangre. Die Gegend um die Iglesia Santa Isabel scheint sich seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Trastámara-Dynastie) bei der katholischen Aristokratie grosser Beliebtheit erfreut zu haben. Die mächtige Fa-milie Ayada beherrschte den ganzen Bezirk am nordöstlichen Rand der Judería.
Toledo wurde dank dem bis ins 15. Jahrhundert fortbestehende fruchtbringende Zu- sammenleben von Mauren, Juden und Christen zur entscheidenden Vermittlerin an-tiker sowie orientalischer Philosophie und Naturwissenschaften für das gesamte Abendland. Besonders berühmt waren seine Übersetzerschulen im 12. und 13. Jahrhunderts.
Auf künstlerischem Gebiet schloss man sich zunächst nicht an die durch den Kathedralbau importierten Vorstellungen der abendländischen Gotik an. So haben sich aus dem 13. und 14. Jahrhundert Bauwerke in rein maurischer Tradition er-halten, etwa die ehemalige Synagoge Santa María la Blanca und El Tránsito. Die christlichen Neubauten sind in dem für die Zeit charakteristischen Mudéjar-Stil er-richtet, als massive Ziegelbauten mit eingetiefter, architektonischer Gliederung und oft hohen Proportionen.
Erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts kann man in Toledo eine breite Rezeption der europäischen Spätgotik beobachten, deren spanische Sonderform als Hispano-flamenco-Stil bezeichnet wird. Hanequín aus Brüssel, seit 1448 Kathedralbaumei-ster, und sein Kreis schufen mit der Übertragung des niederländischen Flamboyant-stils dazu die entscheidenden Voraussetzungen. Die Hispano-flamenco-Gotik erfährt dann vor dem Eindringen der italienischen Renaissance ihren Höhepunkt in den isabellinischen Bauten, in Toledo mit dem Bau des Monasterio de San Juan de los Reyes. Die zweite Generation der eingewanderten Architekten (etwa Juan Guas oder Enrique Egas) spielte dabei eine massgebende Rolle. Ab 1500 mischen sich in die isabellinische Gotik Elemente der italienischen Renaissance. Es entsteht der sogenannte platareske Stil, in dem zwar die Struktur- und Dekorationsformen der italienischen Vorbilder aufgenommen werden, der dabei aber die flächenbezogenen Schmuckfreudigkeit der maurischen Tradition nicht verliert. Diese erfährt sogar eine Steigerung und Ausweitung durch das Formenrepertoire der Spätgotik und Renais-sance.
Odt wird es schwierig, eine klare Abgrenzung zwischen Isabellinischer Gotik und platerskem Stil vorzunehmen. Bis weit ins 16. Jahrhundert bedienen sich die einzel-nen Künstler in sehr individueller Weise der vielfältigen zur Verfügung stehenden Stilformen. Sie arbeiten im Gegensatz zu Italien nicht unter einem ausschliess-lichen «Stildiktat», was bei Berücksichtigung der historischen Voraussetzungen in einer Stadt wie Toledo verständlich wird. In Kastilien-La Mancha übernimmt der in der Nähe von Toledo geborene Alonso de Covarrubias, also jetzt ein Spanier, ab 1531 im Dienste Karls V. die führende Architektenrolle. Das bedeutenste Bauun-ternehmen der Stadt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die Neugestaltung des des Alcázars im Auftrag Karls V., lag in seinen Händen (vgl. auch die Kapellen San Juan de los Reyes Nuevos in der Kathedrale und die Treppe des Hospitals Santa Cruz). Toledo bietet wie keine andere spanische Stadt eine so konzentrierte Möglichkeit, diese Entwicklung in ihrer Kontinuität zu beobachten.
Mit der Verlegung der Residenz im Jahre 1651 nach Madrid durch Philipp II. erlahmte das Intersse des spanischen Herrscherhauses an Toledo. Obwohl die Stadt ihre kirchenpolitische Bedeutung behielt und noch verstärken konnte, be-schränkten sich die architektonischen Aufträge auf Ergänzungen und Erweiterun-gen schon bestehender Projekte, wenn man von dem Hospital Tavera absieht. Da-bei setzte sich auch in Toledo der Herrera-Stil durch.
Ihren Platz in der Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts verdankt Toledo wiederum einem Nicht-Spanier: El Greco, der von 1576 bis zu seinem Tode 1614 hier kon-tinuierlich. Der in Italien geschulte Grieche schuf in der Atmosphäre dieser Stadt, die Philipp II. wegen ihres mittelalterlichen-maurischen Charakters ablehnte, für sei-ne Zeit ungewöhnliche und erst mit dem Expressionismus des 20. Jahrhunderts voll gewürdigte werke, die bei aller Verwurzelung im geistig-religiösen Klima Toledos zu den grossen individuellen Zeugnissen der europäischen Kunst des 16. Jahrhunderts gehören.
Wiederentdeckt wurde die «orientalisch-mittelalterliche» Stadt durch die spanische Romantik, als Toledo von den Franzosen starl in Mitleidenschaft gezogen war. Ihre «neoromantische «Wiederherstellung» begann mit der Einrichtung des El-Greco-Museums ab 1905. Der folgenden musealen Erschliessung und der intensiven Re-staurierungstätigkeit (die besonders stark nach den Zerstörungen des Bürgerkrieges von 1936 einsetzt) ist es weitgehend gelungen, Toledo als historisches Monument zu bewahren.»

Aus: Gisela Noehles-Doerk: Madrid und Zentralspanien. Reclams Kunstführer Spanien, Bd. 1, Ditzingen 1986, S. 478-483.
 
 
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