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Neue «Geschichte des Kantons Nidwalden»: Leseproben aus Band 2


Kantonsspital

Im ausgehenden 19. Jahrhundert setzte im Anstaltswesen der Schweiz ein Differen-zierungsprozess ein: Häufig auf private Initiative entstanden Institutionen, die sich an Menschen mit spezifischen Bedürftigkeiten richteten. Insbesondere sollten die Kran- ken nun in separaten Einrichtungen untergebracht und nach wissenschaftlichen und professionellen Kriterien behandelt werden.
Auch in Nidwalden wurde die Idee, ein modernes Kantonsspital zu errichten, seit Mitte des 19. Jahrhunderts diskutiert. Dank der Stiftung zweier vermögender Nid- waldner Frauen – Josefa Christen und Josepha Göldli, geb. Achermann – und Beiträgen der Ersparniskasse Nidwalden war ein finanzieller Grundstock für das angestrebte Projekt vorhanden. Auch weitere Spendensammlungen liefen erfolg- reich – ein Zeichen dafür, dass zahlreiche Nidwaldner und Nidwaldnerinnen den Bau des Kantonsspitals in Stans begrüssten. Im Februar 1866 konnte die «Landes-Krankenanstalt» eröffnet werden. Diese nahm alle Kranken auf, die sich innerhalb der Grenzen des Kantons befanden oder in Nidwalden heimatberechtigt waren. Die Spitalverwaltung setzte das Taggeld auf 1.20 Franken fest, darin enthalten waren Aufenthalt, Verpflegung und Arzneien. Im 19. Jahrhundert bot das Kantonsspital in 17 Zimmern 45 Betten für Kranke an; in den 1890er-Jahren waren zwei Ärzte, fünf Schwestern und ein Hausknecht für die Spitalpflege und -arbeit zuständig.
In der Anfangsphase war das Spital allerdings nicht immer ausgelastet und hatte entsprechend mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich die Ansicht vollends durch, wonach das Spital – anders als andere Fürsorgeinstitutionen – nicht nur eine Institution für Arme und Fremde war, sondern sich durch seine wissenschaftlich fundierten medizinischen Dienstleistungen an alle Kranken richtete.

Aus: «Gesellschaft: Armut und soziale Randständigkeit» von Sonja Matter, in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 2, S. 64.


Winterschule für alle Kinder
Das Nidwaldner Schulgesetz von 1851 machte die Schule «für alle an Geist und Körper» gesunden Kinder zur Pflicht: Das gesetzlich angeordnete Schulobligatorium galt ab dem achten, allenfalls sogar dem erfüllten siebten Altersjahr und war bis zum 12. Lebensjahr verpflichtend. Die Schulzeit beenden konnte nur, wer vom kommu- nalen Schulrat «als hinlänglich geschulet erachtet» wurde. So mindestens stand es im Schulgesetz. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. In Oberdorf beispielsweise besuchte 1854 nur die Hälfte der Knaben den Unterricht.
Noch gab es als Pflicht nur die Winterschule, und zwar von Anfang November bis Ende April: Dies widerspiegelt die Dominanz der bäuerlichen Wirtschaft und die starck nachgeordnete Rolle der Schule. Kinder aus Gemeinden, die keine Sommer- schule kannten, wurden vom Schulrat zu wöchentlichen Repetitionsstunden aufge- fordert.
Die Protokolle des Nidwaldner Polizeigerichts legen beredtes Zeugnis über Väter und Mütter ab, die «wegen ihrer pflichtvergessenen Nachlässigkeit hinsichtlich schuldiger Schulbildung» ihrer Kinder bestraft wurden. Viele Eltern schickten ihre Söhne und Töchter «höchst unfleissig in die Schule». Man brauchte sie für die Arbeit auf Feld und Hof. Der Stall war notgedrungen stärker als die Schiefertafel, das Brot wichtiger als ein Buch. Da ist die Rede von Kindern, die «ohne Entschuldigung die Schule bis 100 Male versäumten». Ihre Eltern wurden vor den örtlichen Pfarrer geladen oder zu Geldbussen verurteilt; sie mussten bei den Behörden Abbitte leisten oder «unter polizeilicher Aufsicht zwei Monate mit ihren Kindern die Christenlehre besuchen». Gesetzliche Vorschriften standen auf der einen, materielle Not und Unverständnis auf der andern Seite.

Aus: «Bildung und Schule: Auf- und Ausbau im Schatten der Kirche» von Carl Bossard, in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 2, S. 83 f.


Aufschwung in Nidwalden

Seit 1966 ist Stans durch eine Autobahn mit Luzern verbunden. Beinahe zeitgleich mit der neuen Autoverbindung wurde 1964 auch die Stansstad– Engelberg-Bahn an das Schweizer Eisenbahnnetz angeschlossen, wovon weite Teile Nidwaldens und auch der Tourismusort Engelberg profitierten. Die Wirtschaft florierte und in der gesamten Schweiz herrschte Hochkonjunktur. Für das nun verkehrstechnisch besser erschlossene Kantonsgebiet wurde denn auch ein baulicher Aufschwung prognos-tiziert.
Die Gemeinde Stans reagierte auf den erhofften Bauboom und führte 1962 unter Stanser Architekten einen Ideen-Wettbewerb zur Ortsplanung durch. Dabei wurden für das Gebiet zwischen dem Dorfzentrum, der Gemeindegrenze zu Oberdorf und der projektierten Autobahn Bebauungs- resp. Zonenpläne mit dem Zweck eingefor- dert, eine «geordnete, sparsame Überbauung der vorhandenen Landreserve» sicherzustellen.  Die Eingaben wurden in einem Koordinationsvorschlag zusammen- gefasst und das Ausbauziel auf maximal 5000 zusätzliche Einwohner reduziert, was dennoch einer Verdoppelung der damaligen Wohnbevölkerung entsprach. Zentrales Anliegen der Planung war, wie mit der Fliegersiedlung bereits vorgezeichnet, die Trennung von Wohn- und Arbeitsgebieten, die Erschliessung der Neubaugebiete mit Tangentialstrassen sowie die Bildung neuer Zentren im Gebiet Tottikon und beim Bahnhof, das in den Plänen sogar als Stadtzentrum bezeichnet wurde. Diese Idee entstand aus dem Vorschlag von Arnold Stöckli, der sich bereits publizistisch mit Fragen der Stadtgestaltung befasst hatte. Aus dieser Studie gingen die Wohnüber- bauung Turmatthof, das Bahnhof- und das Postgebäude, der Spitalneubau sowie die Berufsschule hervor. Sie alle führten einen neuen, grösseren Massstab und mit Sicht- beton ein neues Fassadenmaterial in die bestehende Siedlung ein.

Aus: «Siedlungsentwicklung: Von der Parklandschaft zur Agglomeration» von Gerold Kunz , in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 2, S. 140.


Nidwaldner Nischen in der  globalen Eventkultur

Das kulturelle Leben des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine Vorliebe für Events aus. Das global verbreitete Zelebrieren eines exklu- siven, kreativen Moments trifft in Nidwalden auf eine historisch gewachsene – auch in der katholischen Inszenierungslust verankerte – Affinität zum Theaterspiel. So gibt es eine Verbindungslinie zwischen den Prozessionen, religiösen Festspielen, Volks- stückaufführungen, Kleintheaterabenden, Freilichttheatern und den jüngsten Forma- ten der spektakulären Unterhaltungsveranstaltungen wie den landesweit ausstrah- lenden «Stanser Musiktagen» und den zahlreichen anderen Festivals und Open-Airs. Ein noch nicht von massenmedialen Vorbildern beeinflusster Prototyp des Events verzückte Stans in den 1930er-Jahren. Nachdem eine russische Tanzgruppe im Theatersaal ein allseits bewundertes Gastspiel gegeben hatte, trugen an der Fasnacht viele Nidwaldnerinnen Russenröcke und -stiefel. Als die bewegten 1960er-Jahre zu ihrem Ende kamen, verlieh auch in Nidwalden eine junge Generation ihrer gesellschaftlichen Aufbruchstimmung mit Kunstaktionen Ausdruck. Einige von ihnen gründeten 1967 mit dem «Chäslager» in Stans eines der ersten Kleintheater in der Schweiz und sorgten mit ihren Programmen für hitzige Diskussionen im ganzen Kanton. In den 1980er-Jahren verbreiteten sich in Europa – in der Schweiz insbe- sondere in der ländlichen Zentralschweiz  und im Wallis – US-amerikanische Le-bensstilelemente. Örtlich formierten sich gar eigentliche Western-Szenen, deren Mitglieder sich seit 1994 alljährlich zu Hunderten am «Country Alpen-Open-Air» auf der Klewenalp treffen. In jüngster Zeit schliesslich erhielt das 2000 ins Leben ge- rufene «Teffli-Rally» in Ennetmoos einen riesigen Publikumszulauf. 2013 schauten 16 000 Zuschauer zu, wie 160 Mofafahrer in diversen (Spass-)Kategorien über die Strecke bretterten. Die Veranstaltung spielt ironisch mit dem Zerrbild des rückstän- digen Landkantons, indem sie ein ausser Mode geratenes Objekt gekonnt zum Retro-Kult erhebt und es liebevoll verklärt – lange bevor das Schweizer Fernsehen mit seinen «Töfflibuebe» dasselbe tat.

Aus: «Geselligkeitz, Freizeit und Brauchtum: Kontrollverlust der Autoritäten» von Marius Risi , in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 2, S. 185 f.
 
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